Des Woodels Kern

Veröffentlicht auf von psilocix

Aus einer Email an meinen Therapeuten:


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Ich habe meine ziemlich seltsamen, extrem intensiven letzten drei Tage vorhin kurz (...) zusammengefasst und schreibe Ihnen jetzt diese mail, weil ich das Bild mit allen Implikationen zusammensetzen möchte, um zu hören, was Ihnen dazu einfällt. Im Moment regnet es Puzzleteile und ich sehe die Vergangenheit aus einer komplett anderen Perspektive... das alles fühlt sich absolut gut und gesund an, nur die Schlagartigkeit hat mich _etwas überrumpelt.



Gestern ist bei mir ein Damm gebrochen – ich weiß nicht ob 'der' Damm oder überhaupt ein entscheidender, aber es fühlte sich wie eine massive Epiphanie an. Da ich nicht wirklich weiß, wie ich das ganze strukturell am Besten zusammenfassen kann, versuche ich einfach den gestrigen Tag als chronologische Struktur und Grundgerüst zu nehmen. Alle Erklärungen, Details und eventuelle Bedeutungen füge ich dort zu passender Stelle ein.

 

Das letzte Wochenende war... sehr intensiv und recht anstrengend. Freitag Mittag kam meine Tante K. in Essen an um am folgenden Tag den 60. Geburtstag meiner Mutter zu feiern. Den Tag verbrachte ich mit meiner Mutter, Oma und Tante, die Nacht über war ich bei S. in Dortmund. Ich hatte die Woche vorher schon eingeplant am Wochenende... massiver zu konsumieren, war also auf 2 ½ Blister DXM, ungefähr ein Plateau 3-4 Trip, sehr angenehm und positiv, ich wußte meine Mutter in guter Gesellschaft und unterhalten und war selbst ziemlich zufrieden mit dem Moment.

 

Morgens gegen 7 fuhr ich zurück nach Essen, holte Brötchen und überraschte meine Mutter mit ihren Geschenken. Danach versuchte ich etwa eine Stunde zu schlafen, was nicht wirklich gelang. Ich war mit Woody beim Tierarzt, meine Mutter beim Friseur, meine Tante bei uns zuhause. Wir frühstückten zusammen und warteten auf die eingeladene Verwandschaft, wobei nicht ganz klar war, wer genau kommen würde. Gegen 15.00 erschien mein Onkel F. - der Sohn meiner Oma, ohne seine Frau – mit meiner Oma. Kernfamilie, quasi... Woody war mit im Wohnzimmer, meine Tante und mein Onkel haben selbst Hunde, wir haben uns gut unterhalten und ich war von den Einsichten meines Onkels doch recht beeindruckt. Nachdem mein Onkel und meine Oma sich verabschiedeten – wir haben bis etwa 19.00 über alles mögliche geredet, seine jüngsten Erfahrungen mit narkoseindiziierten Panikattacken und dem passiv-agressivem Verhalten sein Frau... - bestellten meine Mutter, meine Tante und ich Pizza. Nach der gestrigen Nacht war ich nicht sicher wie fit S. sein würde, allerdings hatten D. und J. uns nachmittags angerufen und zum Sittin eingeladen... ich hatte nciht geschlafen, war noch im deutlichen Afterglow und nicht 100% sicher, ob ich trippen wollte... gegen 9 kam ich wieder in Dortmund an, entschloß mich auch recht schnell noch einen kurzen und heftigen DXM-Trip nachzulegen... im Laufe des Abends, zwischen 10 und 12 Uhr, belief es sich auf 3 ½ Blister, plus Alkohol und die Restwirkung des gestrigen Trips – DXM potenziert sich (kurzfristig) eher als dass es Toleranz aufbaut.

 

Gegen 1 gingen S. und C. nachhause, ich blieb bei D. und J. - der Trip war extrem, aber für mich steuerbar und angenehm. Ich erlebte die Szene in allen möglichen und unmöglichen Versionen, war mir mal mehr mal weniger der 'Realität' bewußt, konstruierte die räumliche und zeitliche Dimension auf unterschiedlichste Art neu. D. war ebenfalls auf Dex – nicht so stark drauf wie ich, vermutlich – und wir kommunizierten recht regelmäßig... die zwei Katzen beeindruckten mich wahnsinnig, ich verbrachte gefühlte Ewigkeiten mit ihnen. Der Gedanke, dass ich wohl kaum jemals so heftig auf Dex reagiert hatte, und die teilweise völlige Ich-Auflösung und Dissoziation assoziierte ich wohl mit möglichen Langzeitschäden/psychotischem Zustand, fühlte mich aber nicht wirklich bedroht.

 

Ich sprach mit D. - J., der nüchtern war, war gegen 3 (oder irgendwann, die Zeit war ziemlich relativ für mich) ins Bett gegangen, - hatte mich bereiterklärt länger zu bleiben, weil ich extrem zugedröhnt war... wir sprachen darüber, was mir/uns Tiere bedeuten, auch Stofftiere, über die Möglichkeit sich Intensität und Belang des eigenen Erlebens selbst einzustellen... über vergangenes, ich weiß nicht mehr wirklich alles, aber es war sehr... intensiv, und ich sehr entspannt, fühlte mich sicher und gut aufgehoben.

 

Gegen 8 – immer noch recht drauf, aber körperlich wieder einigermaßen fit – machte ich mich auf den Weg nach Essen. Es lag Frühnebel über der A40 und das Gefühl von Neubeginn war überwältigend... das Radio – normalerweise höre ich eher CDs im Auto – schien exakt meine Gedanken wiederzugeben, spielte songs über die ich am vorabend erstmalig wieder nachgedacht hatte, verbalisierte meine Gedanken über den Straßenverkehr... kurz, die 'Zeichen' waren von Zaunpfahl-Subtilität. Ich war mir bewußt dass ich durch die Drogen und den Schlafentzug vermutlich empfänglicher für gewisse 'Muster' – real oder nicht – war, behielt das im Hinterkopf und staunte trotzdem über das Ausmaß.

 

Ich nahm mir vor, keine Drogen mehr zu nehmen wenn ich die Fahrt überlebe – wovon ich zu dem Zeitpunkt nicht sicher war, es schien mir ein passender Todeszeitpunkt, aber ich wollte nicht so recht loslassen. Offenbar kam ich heil an, meine Mutter und meine Tante merkten zu meinem Erstaunen nichtmal etwas - oder nicht viel - von meinem doch recht verdrogten Zustand. Ich versuchte, inzwischen wirklich müde, mehrfach mich für ein paar Stunden hinzulegen, aber ich war zu überdreht und blieb am Ende wach. ...musste ich auch, meine Tante die an chronischen Lungenversagen leidet musste zum Bahnhof gebracht werden, der durch die momentanen Umbauarbeiten eine ziemliche Herausforderung auch für Alteingesessene darstellt. Meine Mutter fuhr, schon sehr angespannt, meine Tante mit ihrem Auto zum Bahnhof, Woody und ich auf dem Rücksitz. Am Bahnhof, bzw an der Bushaltestelle des Hbf stiegen sie aus und überließen es mir, den Wagen auf einen Parkplatz zu schaffen. Ich manöverte uns irgendwie vor die Stadtbibliothek, parkte ziemlich kreativ, rante ein paar mal hin und her und hatte ernsthaft Angst, von der (von mir natürlich überall hinhalluzinierten, Schlafmangel und Drogenkonsum sei Dank) Polizei als verwirrt herumirrend aufgegriffen zu werden... meine Mutter wußte natürlich nicht, wo ich parkte, hatte kein Handy dabei – wozu auch – und ich keine Ahnung, von wo oder mit welchem Zug meine Tante abfahren würde... Naja, ich habe sowohl das Gleis als auch die beiden gefunden und noch etwa eine ¾ Stunde, begleitet von kryptischen Ansagen des logopädisch ziemlich eingeschränkten Bahnsprechers, auf ihren ICE gewartet.. Tante verabschiedet, zurück zum Auto. Meine Tante hatte auf dem Bahnsteig wegen der Kombination aus Atemnot, Gepäck, Hektik und Orientierungslosigkeit eine ordentliche Panikattacke, meine Mutter... ja. Ich konnte vor Schlafmangel/Drogen/Erleuchtungsgefühl kaum geradeauslaufen und mein Kreislauf befand sich im 3. Untergeschoss, aber mental fühlte ich mich wunderbar. Vielleicht habe ich danach noch mal eine oder zwei Stunden geschlafen, mehr aber nicht. Der kommenden Besucherrunde fühlte ich mich allerdings schon nicht mehr so gewachsen... zwischenzeitlich habe ich wenn ich mich richtig erinnere noch den Hausflur geputzt...

 

Irgendwann gegen Nachmittag – ich vermute, etwa 3 Uhr – erschien, wieder nicht ganz angekündigt, mein (Lieblings-)Cousin B. mit seiner Frau J. und den beiden Kindern, ich glaube sie sind... 4 und 6 Jahre alt, ungefähr, außerdem wieder mein Onkel F. und seine (ziemlich ätzende) Frau M.Als sie ankamen war ich mit Woody im Badezimmer um meine Pupillen auf Reaktionsvermögen zu überprüfen und den Hund aus dem Begrüßungs-Desaster fernzuhalten. Natürlich dauerte es gute 20 Minuten bis die Familie es – einigermaßen – auf die Reihe bekam im Wohnzimmer Platz zu nehmen, so dass ich mit dem Hund (an der Leine) ins Wohnzimmer kommen konnte. Woody war begeistert, verlieh dem auch Nachdruck, die Kinder waren recht verängstigt, meine Mutter hysterisch und der Rest peinlich berührt. Den vorläufigen Höhepunkt fand die Situation als Tante M. Woody am Kopf kraulte, der daraufhin, schwanzwedelnder- und zeitgleich knurrenderweise ins Wohnzimmer pinkelte... an dieser Stelle beschloss ich, mit dem Hund vorläufig nach draußen zu verschwinden. Die Frage meiner Mutter ob ich ihn ins Auto bringen wolle – wo er normalerweise unsere seltenen Familientreffen aussitzt – ignorierte ich, nahm sie gedanklich aber mit nach draußen.

 

 

...und da stand ich dann, halluzinierend, mit einem aufgedrehten Woody an der Leine und den seltsamsten, ziemlich psychosennahen Eingebungen... sah den Hund an und fing hemmungslos an zu flennen als mir aufging, wieviel von diesem Hund in mir steckt.

 

Woody, der in die Wohnung pinkelt wenn er sich freut.

...der vor lauter Freiheitsdrang in der Wohnung im Kreis rennt, so dass meine Mutter und ich panisch aufs Sofa flüchten.

...der sich die Pfoten und den Schwanz blutig leckt.

…der jeden Menschen stürmischst begrüßt und dann plötztlich anknurrt, wenn man sich ihm zuwendet.

 

 

Die Liste ist um einiges länger. Woodys Verhältnis zu mir, das aus anfänglicher Überforderung ob der erwartungsüberfrachteten Basis über Entfremdung, verzweifelte Auseinandersetzung, erst in den letzten Monaten langsam (wieder) zu dem wurde, was wir immer wollten und anfangs aufzubauen versuchten...

 

Ich weiß nicht, ob ich den Hund empathisch in mich aufgenommen habe, oder meine emotionale Situation auf ihn projeziert, vermutlich ein bisschen von beidem... all das kam in diesem Moment hoch. Ich lief mit Woody um den Blog, immer noch weinend, hatte total Panik ihn zu verlieren... die Psycho-Frau mit ihren zwei unangeleinten pseudo-Owtscharkas auf der anderen Straßenseite veranlasste mich, mich mit Woody ins Auto zu flüchten, wo wir dann noch eine Weile saßen. Ich weinte – normalerweise irritierte ihn das, diesmal blieb er bei mir. Irgendwann ging ich zurück in die Wohnung, entschuldigte mich bei meiner Mutter, sagte ihr dass es mir gut ginge aber ich gerade einen psychischen Einbruch hätte und für eine Weile mit Woody im Schlafzimmer bleiben wollte – der Besuch war natürlich immer noch da. Mir war klar, dass sie sich Sorgen machte, aber ich war mit dem Moment selbst völlig überfordert.

 

Mein Vater hatte sich irgendwann vorher für 5 Uhr angekündigt, um mich zum Kaffeetrinken abzuholen, also rief ich ihn an und erzählte ihm, was bei mir los war. Er sagte im Nachhinein, er sei damit etwas überrannt und daher ziemlich sprachlos gewesen, und riet mir auch, das ganze schriftlich festzuhalten, weil es so vielleicht besser nachzuvollziehen ist. Nach dem Telefonat ging ich mit Woody ins Wohnzimmer, deutlich verheult... nach Absprache mit meinem Onkel lies ich Woody von der Leine, später machte ich mit den Kindern auf dem Balkon Seifenblasen und zeigte ihnen Woodys Tricks und wie er versteckte Leckerchen sucht... die Atmosphäre war so entspannt, so sicher... ich war nie so sehr ich vor diesen Menschen, und nie so frei.

 

Woody habe ich seit dem so viel wie möglich bei mir behalten... zu meinem Vater habe ich ihn mitgenommen, wir waren kurz ohne ihn bei Starbucks und sind dann zusammen durch die Stadt gelaufen... er bleibt skeptisch, aber selbst er kann die Implikation sämtlicher Analogien zwischen Woody und mir und unserer Entwicklung nicht leugnen. Der Wolf den ich gesehen habe... in meinen Gedanken, war vielleicht nur ein Schatten meiner Schuld und Woodys und meines Leidens.

 

Gegen 19 Uhr war ich zurück bei meiner Mutter... ich erklärte ihr, was ich erklären konnte, sie war besorgt weil ich wenig geschlafen hatte und weil sie Drogen im Spiel vermutete – allerdings tippte sie ohne es zu wissen auf DPH, dass ich nicht genommen hatte, dessen Wirkung der des Schlafentzugs aber sehr nahekommt – und riet mir, schlafen zu gehen. Ich glaube trotzdem, dass sie einiges verstanden hat und auch merkte, dass es mir – und Woody – besser ging.

 

Die Nacht war anstrengend, ich wachte mehrfach auf weil die letzten Tage offenbar nicht nur auf der mentalen Ebene schwer verdaulich (…) waren, war zwischenzeitlich kurz davor einen Notarzt anzurufen, beließ es dann aber bei Hausmitteln da ich keine nennenswerten Schmerzen hatte und hatte das Problem im Laufe der Nacht noch gelöst, so dass ich noch zum Schlafen kam.

 

Morgens wurde ich wach weil meine Mutter Woody aus dem Wohnzimmer rief, um ihn mit ins Büro zu nehmen – er hatte sich allerdings wieder bei mir im Wohnzimmer eingenistet. Glücklicherweise, ich hatte fest vor, ihn mit nach NL zu nehmen. Das sagte ich auch meiner Mutter, sie war erstaunlich einverstanden. Kurz nachdem sie weg war, tatsächlich kurz nach 7 Uhr morgens (!) stand ich auf, badete, packte meinen Koffer und Woodys Kram, telefonierte noch mit meiner Mutter, verschaffte mir einen Überblick von den Uni-Arbeiten die für heute anstanden... da die dafür nötigen Bücher in NL waren fuhren Woody und ich kurzerhand direkt hin.

 

Inzwischen habe wir bzw er sich eingerichtet, für meine Mitbewohner hängt ein Zettel am schwarzen Brett der sie über den – erstmal aufgrund von mütterlichen Krankenhausaufenthalt (Notlüge...) zeitlich befristeten – neuen Untermieter aufklärt und um Verständnis bittet, Perspektive geschrieben... bisher kamen keine Rückmeldungen, allerdings wurden wir mehrfach auf dem Gelände gegrüßt, scheint in Ordnung zu sein. Ich habe meine Uni-Unterlagen vorbereitet und war dann mit Woody (ohne Leine, das erste mal seit Ewigkeiten) im Botanischen Garten, Ball jagen. Danach wac ich in der Uni, Woody wartete im Auto, im Moment schläft er in meinem Bett und... ja, ich frage mich, wie ich die ganzen letzten Jahre so blind sein konnte.

 

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Veröffentlicht in As it is

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